Schlechte Noten, viele Fehlstunden: Eingestellt

Bad Nauheim-Schwalheim/Rödgen (sda). Einserzeugnis ganz ohne Fehlstunden und ein geschliffenes Benehmen? Keine Chance – zumindest dann nicht, wenn man eine Ausbildung im Malermeisterbetrieb von Andrej Babitz in Schwalheim/Rödgen anstrebt. Denn der gibt jenen eine Arbeitsstelle, die von der Gesellschaft schon lange abgeschrieben wurden.

Andrej Babitz in Aktion: Als Malermeister hat er mit 31 Jahren seinen ersten Azubi eingestellt. (Foto: pv)
Babitz wählt seine Auszubildenden nach dem Motto aus: »Jeder Mensch hat eine Chance verdient« – und das mit großem Erfolg. Dass nicht immer alles reibungslos verläuft, versteht sich von selbst, in den meisten Fällen wird die Geduld des Mannes aber belohnt.

Malermeister Andrej Babitz Schwalmheim

Malermeister Andrej Babitz Schwalmheim

Johannes Bayer (Name geändert, die Red.) ist ein Jugendlicher, der in die Kategorie »schwer erziehbar« fällt. Aufgewachsen in einem Kinderheim, hatte er es nicht immer leicht. Unentschuldigte Fehltage in der Schule standen auf der Tagesordnung. Seine Noten in der Hauptschule, »eine Katastrophe«. Gleiches gilt für die »zerfledderte Bewerbungsmappe«, erzählt der 35-jährige Andrej Babitz, der einen Acht-Mann-Betrieb in Schwalheim/Rödgen leitet. Doch der Malermeister gab dem damals 17-Jährigen eine Chance, stellte ihn als Azubi ein. Heute ist der junge Mann im dritten Lehrjahr, seine Noten glänzend, nur zwei Fehltage. »Arbeit ist auch top«, lobt Ausbilder Babitz.

Bayer ist kein Einzelfall: Neun Jugendliche, alle »Problemfälle«, haben im Betrieb erfolgreich eine Ausbildung absolviert. Aufmerksam auf die Jugendlichen wird Babitz durch das Friedberger Bildungswerk oder Privatbewerbungen. Jedes Jahr stellt er ein bis zwei Anwärter ein. Auch in diesem Jahr sind zwei Neue dabei – und das, obwohl die meisten »nicht so ordentlich« gekleidet und mit »Jugendslang« beim Bewerbungsgespräch vor den Chef getreten seien.

Tabu Drogenkonsum

Doch auf Äußerlichkeiten legt der Chef keinen Wert – jeder darf sich beim zweiwöchigen Probearbeiten beweisen: »Die Zeit kriegen sie alle, unabhängig von Auftreten und Vorgeschichte.« Die meisten Bewerber bewähren sich, weiß Babitz, der den Betrieb seit sechs Jahren führt. Er verlangt nicht gerade wenig, fordert Disziplin: Morgens um 6.30 Uhr beginnt der Arbeitstag, um 16 Uhr ist Feierabend.

Nur in vier Fällen ist der Meister ratlos gewesen, musste das Ausbildungsverhältnis beenden: »Da haben die Jungs ihre Chancen missbraucht«. Vor allem bei einer Sache kennt Babitz keine Gnade – Drogenkonsum ist ein Tabu. »Wenn ich das rausbekomme, gibt’s nur noch eine Chance.« Das reiche in vielen Fällen, »um die Jungs zur Besinnung zu bringen.« Auch bei einem ehemaligen Lehrling: Er musste die Prüfung um ein halbes Jahr verschieben, weil er große Drogenprobleme hatte. Heute sei der Junge sauber, »ein ganz anderer Mensch.«

Wie aber gelingt es dem Malermeister, junge Menschen zu motivieren, sie zum Durchhalten zu bewegen, da wo anderer Institutionen kläglich scheitern? »Es liegt wohl am Umgang«, vermutet Babitz, »ich gehe auf die freundschaftliche Schiene.« Wichtig sei, die jungen Menschen zu respektieren, ihnen auf Augenhöhe entgegenzutreten und das Gefühl zu vermitteln, dass sie etwas leisten. »Dann funktioniert das.« Häufig seien die Jugendlichen von schlechten Erfahrungen geprägt, sei es durchs Elternhaus oder den Freundeskreis, nehmen oft Drogen. »Sie haben das Gefühl, nichts zu können, sind vollkommen perspektivlos.« Im Betrieb lernen sie eine neue Seite an sich kennen, erfahren, dass »sie sehr wohl können, wenn sie wollen.« Man müsse sie fordern, nicht nur zum Kehren und Aufräumen verdonnern.

Die Aufgaben eines Malers und Lackierers sind vielseitig. Hat ein Junge Grundlagen wie Wände schleifen und Tapeten entfernen gelernt, kann er sich spezialisieren – etwa aufs Verputzen oder Tapezieren. Ein gutes Klima unter den Mitarbeitern sei wichtig: »Die Lehrlinge müssen das Gefühl haben dazuzugehören.« Um die Gemeinschaft zu fördern, unternimmt Babitz mit den Jungs jedes Jahr einen Ausflug – 2011 besuchte der Acht-Mann-Betrieb einen Freizeitpark.

Doch selbst wenn die jungen Menschen im Betrieb richtig mitziehen, gehört auch der regelmäßige Besuch einer Berufsschule zu einer erfolgreichen Ausbildung. Nicht immer einfach mit chronischen Schwänzern. Da ist der Chef nicht zimperlich: Klagt die Schule über Fehlzeiten, müssen die Jungs samstags und sonntags ran. »Das zieht immer.« Und damit es mit den Prüfungen klappt, setzt sich der Meister nach Feierabend mit seinen Schützlingen zusammen, geht mit ihnen die Aufgaben durch. Mühe und Geduld, die heutzutage kaum mehr jemand aufbringe.

»Die Luft angehalten«

»Vielleicht fällt mir das leicht, weil ich selbst so war«, mutmaßt der Meister. Auch er habe seine »Null-Bock-Phasen« hinter sich. »Damals bin ich nicht zur Schule gegangen«, sagt er grinsend. Doch er bekam seine Chance, fand als Handwerker seinen Weg. »Ich wusste, dass ich ausbilden will« – denen eine Chance geben, die sonst keine bekommen.

Hin und wieder, erzählt Babitz, sei das schon ein Risiko, Großprojekte seien heikel – etwa die Renovierung des Nauheimer Eisstadions 2010. »Da haben wir alle die Luft angehalten.« Doch alles habe bestens geklappt. Rückhalt bekommt der Malermeister von seiner Mutter, die stolz auf ihren Sohn ist, ihn für den Deutschen Bürgerpreis nominiert hat, bei dem es einen Anerkennungspreis gab. Gisela Babitz-Koch hilft so gut es geht mit, bekocht die Jungs. Dabei geht sie auf Besonderheiten ein, etwa als ihr Sohn einen muslimischen Jungen ausbildete. »Wenn es Frikadellen gab, habe ich Rindswurst für ihn gemacht«, erzählt sie. Es sei die gegenseitige Akzeptanz, die zum Erfolg führe. »Vielleicht verdienen wir nicht immer das große Geld, dafür machen wir eine Menge Erfahrungen.«

Quelle: Wetterauer Zeitung, Artikel vom 14.09.2012 – 11.00 Uhr